Das Problem:                                                                          zurück zur Checkseite

Leinenlängenüberprüfung beim 2-Jahres-Check war bis dato der Vergleich der gemessenen Länge jeder einzelnen Leine des zu checkenden Schirmes mit der bei bei der Musterzulassung durch den DHV festgehaltenen Soll-Länge. Die Differenz dieser beiden Werte muss dabei innerhalb der vom Hersteller vorgegebenen Messtoleranz liegen. Das soll vor allem gewährleisten, dass sich die Flugeigenschaften der Kappe gegenüber dem gütegesiegelten Schirm nicht verändert. Diese Längenmessung geschieht dabei vielfach noch mit Maßbändern.

Immer wieder kam es allerdings vor, dass Piloten von "hängenden Schirmen" beim Aufziehen berichteten und vor allem mit dem Bodenhandling unzufrieden waren. Ausschlaggebend für die Entwicklung des neuen Diagnose-Verfahrens war ein Pilot, der mit einem gerade geprüften Schirm im Sackflug auf den Landeplatz Tegelberg "gerummst" ist (nix passiert). Eine andere Pilotin konnte ich bei einem ähnlichen "Manöver" am Buchenberg selbst beobachten. Dieser Schirm wurde anschließend sowohl vom betroffenen Hersteller als auch vom DHV überprüft und als "in Ordnung" eingestuft. Klar, dass die Pilotin nun mit sehr mulmigem Gefühl diesen Schirm weiterhin fliegen wird bzw. die Marke wechselt.
Vielleicht lag es aber auch nur am verwendeten Mess und Analyse-Verfahren, die Veränderungen der Trimmung nicht oder nur unzureichend erkennt ?

Die Fragestellung war: Ist hier Handlungsbedarf? Können wir die Schirme sicherer machen, die Messgenauigkeit steigern und Toleranzen verringern ?

Fangleinen von Gleitschirmen haben 2 Aufgaben zu erfüllen. Sie müssen eine möglichst hohe Festigkeit aufweisen und ihre Länge mit zunehmendem Alter nicht wesentlich ändern. Die beste Leine ist also ultrastabil und ändert ihre Länge nicht. 
Gleitschirmfangleinen sind ca. 7-10m lang (Gesamtlänge aller Komponenten). Bereits eine Längenänderung von 1% bedeutet 7 - 10cm! Eine Änderung von nur 0,1% wären dann immer noch 7 - 10mm. Wenig genug ?

Erstaunliche Tatsache ist, dass eine Veränderung der Leinen um 0,1% für den Piloten bereits spürbar wird. Solange diese Veränderung (übrigens kommen sowohl Schrumpfungen als auch Dehnungen vor!) - also solange dieser Prozess homogen über alle Leinenebenen verteilt ist wird man sich kaum Gedanken über evt. Veränderungen im Start, Flug oder Landeverhalten machen müssen. Auf Grund der Auftriebsverteilung am Flügel werden aber die A-Leinen stärker belastet als die C- oder D-Leinen und die äusseren Leinen insgesamt weniger als die inneren Leinen. 

Konsequenz aus der Auftriebsverteilung ist eine langsame, aber durchaus spürbare Vertrimmung des Gleitschirmes - der Schirm wird "langsamer", die Kappe beginnt beim Aufziehen zäher zu steigen - sie "hängt" - die Sackfluggefahr steigt........... aber: Alles innerhalb der erlaubten Toleranzen !!

Das von mir entwicklelte Diagnose-Verfahren soll diese Veränderungen nun frühzeitig, mit sehr geringer Toleranz aufzeigen, dokumentieren und dem Checker ein Tool zur Verfügung stellen, rechtzeitig zu reagieren.


So funktioniert das NovaTrimTuning:  ein simuliertes aber durchaus typisches Musterbeispiel:

Jede einzelne Fangleine wurde elektronisch auf den Millimeter genau vermessen. Der gemessene Wert mit dem Sollwert verglichen und die Abweichung in einem stilisierten Schirmplan automatisch eingetragen. Die Messwerte kalibrieren sich bei diesem Verfahren übrigens automatisch - die Steuerleine unabhängig davon ebenfalls.

Die Ergebnisse werden nun auf verschiedene Faktoren hin überprüft. Dabei kann der Checker durch Ändern der Toleranzwerte Veränderungen bereits im Entstehen sichtbar machen. Zu sehen ist viel "rot" in der Beispiels-Auswertung ! ... also ein schlechter Schirm? Nein, die Kappe könnte und würde "normal vermessen" (nach Austausch der falschen B1L) so erneut zugelassen werden!

Im Checksheet dargestellt sind im Einzelnen:

  1. Abweichung der einzelnen Leinenlängen vom Sollwert nach automatischer Kalibrierung (relative Länge zueinander!) deshalb auch nötig... die
  2. Gesamtleinenlänge des Systems zu überprüfen
  3. Bremsleinenlängen in Bezug auf Punkt 1 
  4. Symmetrieüberprüfung jeder Leine - links/rechts
  5. Gesamtschirmsymmetrieüberprüfung - links/rechts
  6. Aufzeigen der Querachsentrimmung bezüglich Schnitte jeder Leinenebene "vertikal" (also A1, B1, C1, D1, (E1)) alle weißen Felder
  7. Gesamtquerachsentrimmung der einzelnen Ebenen

Die Diagnose des Beispiels:

  1. Stammleine B1L ist offensichtlich zu lang - die Leine wird ausgetauscht, die neu vermessenen Werte in die Diagnose eingefügt. Alle anderen Längen sind ok.
  2. Gesamtlänge ok.  Der Schirm sieht nun so aus: 



3.    Die Bremsleinen sind asymmetrisch. Die rechte Seite weicht deutlich von der linken ab. Diese ist in Relation zur Gesamtabmessung 3mm zu lang, - ein wirklich vernachlässigbarer Unterschied. (In der Praxis tauchen hier aber durchaus Werte um die 100mm auf, und das IST bedenklich). 
Die Hauptbremsleinen werden nun an der Steuerspinne eingehängt und symmetrisch auf die Länge der linken Seite angeglichen.

4.    Einzelleinensymmetrie (roter Balken unter den Werten links und rechts) war bereits nach Austausch der B1L ok

5.    ebenso die Gesamtschirmsymmetrie

6.    Bleibt die Querachsentrimmung (Pitch). Alle weißen Felder in den beiden mittleren Segmenten deuten auf verbesserungswürdige Schnittachsentrimmung hin und die Gesamtrimmung ("Canopy pitch" neben dem Bild) ist etwas langsam, der damit verbundene Anstellwinkel zu gross! (Der Kunde beklagte schon  dass der Schirm beim Aufziehen leicht "hängt".

Was soll man nun dagegen tun?

  1. Alles so lassen ("lern halt mal gescheit starten".....  (hab ich schon so gehört)....)........ oder
  2. neue Stammleinen einbauen (sehr teuer und bringt sehr wahrscheinlich nicht den gewünschten Erfolg (schließlich altern die oberen Leinen auch)....... dann also
  3. einen komplett neuen Leinensatz (. .. ????...)..... oder 
  4. besser gleich einen neuen Schirm kaufen (Super-Idee! Aber, wie lange seid Ihr dann noch Kunde bei uns ?)

Nein, wir können die Querachsentrimmung recht einfach nachkorrigieren indem wir unterschiedliche Einschlaufungen am Leinenschloss wählen. Korrekturen bis zu 50mm sind so ohne Erneuerung der Leine korrigierbar (natürlich auch bei Asymmetrien).

Die Querachsentrimmung wird durch geeignete Ein- bzw. Ausschlaufung von Fangleinen "schneller", dabei simuliert das Diagnose-Sheet verschiedene Varianten der Feintrimmung. (Dieser Teil des Verfahrens ist in den gezeigten Bildern nicht sichtbar!) Das Feedback von vielen Schirmbesitzern nach den Checks ist positiv: "Was habt Ihr bloß mit meinem Schirm gemacht?

Jetzt wisst Ihr es!

Und so sieht das Ergebnis aus: 



Man beachte, dass die "Difference main lines" von 20 auf 13mm reduziert werden konnte.
Andere Checkverfahren lassen hier Toleranzen von 30mm absolut zu, unabhängig von der Querachsentrimmung !! So darf ein Schirm auf der A-Ebene durchaus +15mm und auf der C bzw. D-Ebene durchaus -15 aufweisen ohne das dem entgegengewirkt wird. 

Ein Pilot darf sich dann aber nicht wundern, wenn er "ihn nicht mehr hoch kriegt"....(Tschuldigung!)

Grafisch gesehen, sieht die Trimmung der Kappe am Ende des Checks so aus: 

Wir freuen uns, dass Nova die Vorteile dieser Art der Überprüfung sofort adaptiert hat und das Diagnose-Verfahren nun für alle Nova-Schirme in den von Nova authorisierten luftfahrttechnischen Betrieben einsetzt. Die 1. DAeC Gleitschirmschule ist dabei neben Charly Produkte, dem Generalimporteur, die einzige Prüfstelle in Deutschland, die dieses Verfahren nutzt. 
Trotzdem noch einmal ganz deutlich betont:

Die "Ursache" (Leinenveränderung) ist kein spezifisches Nova-Leinen-Problem! ......... Die Lösung für das Problem in der gezeigten Form aber schon. 

Dieser 2-Jahres-Check dient Eurer Sicherheit und Eurem Flugspaß und wir hoffen, dass ihr den Unterschied im Handling vorher/nachher merkt. Über Feedbacks Eurer gecheckten Schirme würden wir uns daher sehr freuen !

Ralf Antz und das Fluglehrer-Team der 1. DAeC Gleitschirm-Schule


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